Besteigung des Mount Fuji: Gymnastik und Nudelsuppe für alle

Einmal auf dem Fuji stehen: Die Verehrung des höchsten Bergs des Landes hat in Japan seit Jahrhunderten Tradition. Für manch fremden Wanderer ist der Aufstieg jedoch weniger eine spirituelle Reise als ein schweißtreibendes Massenereignis.

 

Kawaguchiko – Die Besteigung des Fuji beginnt auf 2305 Metern mit kollektiven Dehnübungen. Etwa 20 Japaner strecken die Beine und Arme, ziehen den Kopf mit der Hand auf die Schulter. Die Männer tragen bunte Funktionsjacken, die Frauen pinkfarbene Gamaschen und Wanderstiefel. Es sieht aus wie bei einer Modenschau. Die Geschäfte an der sogenannten fünften Station des Berges verkaufen Fuji-Souvenirs: T-Shirts, Tassen, Accessoires. In einem Laden steht ein Vulkan aus Schokolade. Draußen halten die Busse mit den Pilgerscharen, die den Fuji besteigen wollen – mit seinen 3776 Metern der höchste Gipfel Japans und ein Nationalheiligtum.

Die Japaner verehren den Berg wegen seines symmetrischen Vulkankegels und weil sie dort Konohanasakuyahime vermuten, die „Göttin der aufblühenden Baumblüten“. Ihr zu Ehren wurden um und auf dem Berg unzählige Shinto-Schreine errichtet. Hochsaison ist im Sommer. Die Besteigung des Fuji ist vom 1. Juli bis 30. August erlaubt. Hunderte Japaner praktizieren dann täglich den Fuji-Kult. Mit Religion hat das allerdings kaum noch etwas zu tun. An manchen Tagen stehen bis zu 3000 Besucher auf dem Gipfel.

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„Das ist der letzte Berg, auf den ich steige“

Die Wanderer starten auf breit angelegten Wegen. Schnell nimmt die Steigung zu, der Menschenstrom verlangsamt sich. Die meisten steigen an diesem Nachmittag zu einer der 20 Hütten am Berg auf, um am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang zum Gipfel aufzubrechen. Nebel zieht über die Hänge, die Landschaft ist karg.

Nach zwei Stunden Aufstieg geht die Atmung schnell, der Schweiß tropft vom Gesicht. „Das ist der letzte Berg, auf den ich steige“, sagt Megan McConathy, eine junge Soldatin aus Ohio. Ob ihr das Bergsteigen nicht gefällt? „Nicht mehr“, sagt sie und fragt ihren Begleiter, wie weit es noch bis zur Hütte sei. „Wir sind fast da“, antwortet Jason Dukes, ein lässiger Typ aus Florida. „Das hast du schon 20-mal gesagt“, beschwert sich Megan. Die zwei Amerikaner sind die einzigen Ausländer in einem Pulk von Japanern.

Bei der Ankunft auf der Hütte auf 3450 Meter Höhe steht die Sonne schon tief am Himmel. Hier oben gibt es keine Pflanzen mehr, nur noch trockene Erde und Vulkangeröll. „Bulldozer bringen das Essen hinauf“, erklärt Toru Sugawara im Fujisan-Hotel, einem einfachen Holzbau mit Speiseraum, Küche und Matratzenlager. Fragt man den Hüttenwirt, ob schon berühmte Persönlichkeiten in seinem Haus genächtigt haben, sagt er: „Aber ja, Filmstars und Fernsehstars.“ Der Abend endet früh.

 

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Mit Stirnlampen Richtung Kraterrand

Um 3 Uhr morgens geht das Licht im Lager an, alle fangen an zu wühlen und sich anzuziehen. Draußen ist es stockfinster und eisig kalt, ein scharfer Wind peitscht durch die Nacht. Zum Frühstück gibt es einen Schokoriegel, dann setzt sich die Menschenmenge mit ihren Stirnlampen in Bewegung – wie eine leuchtende Perlenkette in der Dunkelheit.

Nur eine knappe Stunde dauert der Weg bis zum Kraterrand des Fuji. Noch etwas weiter ist es bis zum höchsten Punkt. Kurz bevor es zu dämmern beginnt, haben sich auf dem Gipfel bereits mehrere Dutzend Wanderer versammelt und treten wegen der Kälte mit den Füßen auf der Stelle. Der Horizont färbt sich dunkelblau, langsam schiebt sich ein roter Schimmer zwischen Himmel und Erde. Gleich geht die Sonne auf.

Für das Gefühl in diesem Augenblick gibt es im Japanischen den Begriff „mono no aware“. Er beschreibt ein plötzlich auftretendes, tiefes Empfinden, eine Empfänglichkeit für die vergängliche Schönheit der Dinge und die sanfte Traurigkeit, die damit einhergeht.

Nudelsuppe aus dem Plastikbecher zur Belohnung

Die Touristen auf dem Gipfel des Fuji betrachten die aufsteigende Sonne vor allem durch die Linsen ihrer Kameras. Oder sie wenden der glutroten Lichtkugel den Rücken zu, weil sie sich selbst vor dem Horizont fotografieren lassen. Jeder möchte einmal vor dem Gipfelstein posieren, es bildet sich eine lange Schlange.

Unten am Krater drängen sich die Menschen dicht um den Nebenschrein des berühmten Sengen Taisha, der in der nahen Stadt Fujinomiya zu Ehren des Berges errichtet wurde. Es gibt auch eine Poststube mit Karten, die Verwandten und Freunden von der erfolgreichen Besteigung des heiligen Berges erzählen sollen.

In der Hütte nebenan wird hochpreisige Nudelsuppe im Plastikbecher mit Wasser aus einem großen Topf aufgegossen. Die heiße Brühe tut gut, aber die angefrorenen Finger können die Stäbchen noch nicht richtig halten. Die Nudeln gleiten immer wieder hindurch.

Bergab geht es ziemlich schnell über eigens angelegte Schotterpisten, damit die aufsteigenden Wanderer nicht behindert werden. Die Abfertigung der Touristen soll schließlich reibungslos weitergehen.

 

Quelle: spiegel.de

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