Der Fluch von Tokio

Tokio zieht Junge aus ganz Japan an; dort gibt es die beste Ausbildung und die besten Jobs. Doch die Tokioter haben die wenigsten Kinder, Japans Bevölkerung schrumpft. Dagegen will Ministerpräsident Abe etwas tun.

100 Millionen ist die neue magische Zahl in Japan. 100 Millionen Einwohner soll das Land im Jahr 2040 haben. Dieses erklärte Ziel der Regierung ist kein Wachstumsziel. Vielmehr sind die 100 Millionen eine Untergrenze, bei der die Bevölkerung stabilisiert werden soll. Denn heute hat Japan rund 127 Millionen Einwohner. «Japan stirbt aus, wenn wir nicht schnell Massnahmen ergreifen», sagt Shigeru Ishiba, der für die regionale Revitalisierung zuständige Staatsminister.

Die regionale Entwicklung Japans ist ein wichtiger Erklärungsfaktor für den Bevölkerungsrückgang. Seit 1950 hat sich der Anteil der Japanerinnen und Japaner, die im Grossraum Tokio wohnen, auf fast 30 Prozent verdoppelt. Als Hauptstadt ist Tokio das Zentrum der nationalen Politik und beherbergt den damit verbundenen Beamtenapparat. Hier befinden sich die besten Universitäten des Landes, und praktisch alle grossen Unternehmen haben hier ihren Hauptsitz − selbst wenn ihr Ursprung in der Provinz liegt. Sie bieten die attraktivsten Stellen. Kein Wunder ist die überwiegende Anzahl derer, die nach Tokio ziehen, unter dreissig Jahre alt.
Entvölkerte Landstriche

Doch Tokio ist auch der Ort, wo am wenigsten Kinder geboren werden. Während sich die Geburtenrate landesweit in den letzten Jahren auf 1,43 Kinder pro Frau etwas erholt hat, liegt sie in der Hauptstadt bei 1,13. Es gibt verschiedene Gründe dafür: Die Wohnungen sind klein und teuer, Plätze für Kinderbetreuung rar. Die Arbeitswege sind lang, entsprechend wenig Zeit verbringen arbeitstätige Eltern, vor allem die Väter, zu Hause. Oder die Menschen sind so beschäftigt, dass sie gar nicht erst heiraten und Familien gründen. Die Sogwirkung Tokios verstärkt den Bevölkerungsschwund auf dem Land. Ganze Landstriche entvölkern sich.

 

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Eine Studie des Japan Policy Council kam zum Schluss, dass innerhalb von 25 Jahren 896 Gemeinden verschwinden könnten. Das ist fast die Hälfte aller Gemeinden Japans. Entweder werden diese Ortschaften nicht mehr in der Lage sein, die öffentlichen Dienstleistungen bereitzustellen, und müssen fusionieren. Oder sie verschwinden, weil schlicht und einfach niemand mehr da ist. Besonders ausgeprägt ist der Effekt im Norden des Landes. Das Extrembeispiel ist die Präfektur Akita, die landesweit am stärksten schrumpft. Dort geben die Experten nur einer einzigen Gemeinde längerfristige Überlebenschancen.

Ministerpräsident Abe hat die regionale Revitalisierung zur obersten Priorität der soeben angelaufenen, ausserordentlichen Legislaturperiode des Parlaments erklärt. Man wolle Gemeinden schaffen, die für junge Menschen attraktiv seien, ein Umfeld, in dem sie Heiraten und Kinder kriegen wollten, sagte der Regierungschef. Konkrete Vorschläge hat Abe noch kaum. Experten sollen diese jetzt ausarbeiten. Ishiba spricht davon, Tokioter zu unterstützen, aufs Land zu ziehen. Er stützt sich auf eine Umfrage, nach der sich 40 Prozent der Einwohner der Hauptstadt schon überlegt haben, in die Provinz zu ziehen.
Ob sich die Japanerinnen und Japaner durch bessere Berufsaussichten auf dem Land zu mehr Kindern motivieren lassen wird noch in Frage gestellt.

 

 

 

Quelle: NZZ

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